In einer ruhigen Seitenstraße, wo die Vorgärten im Sommer nach Minze duften und die Dächer seit Jahrzehnten im gleichen Rhythmus knacken, steht das Mehrfamilienhaus von Karl R. Der 60-Jährige ist kein Investor, sondern Erbe eines Gebäudes, das schon seine Eltern mit handfestem Stolz instand hielten. Doch nun, nach Jahren steigender Kosten, steht er vor einer Entscheidung, die ihn schwerer drückt als die knarrende Dachrinne: Er will die Miete seines langjährigen Mieters anheben.

Karl wirkt nicht wie jemand, der gerne an Stellschrauben dreht, die das Leben anderer verengen. Er beschreibt sich als „Hauswart auf Lebenszeit“, der Heizungen entlüftet, wenn es draußen friert, und mit einem selbstgebauten Werkzeug alle quietschenden Türen des Hauses befriedet. Doch die Welt um ihn herum wurde teurer – Materialpreise, Handwerkerrechnungen, Versicherungen. Ein ganzes Gewirr aus Zahlen, das sein Budget Stück für Stück auffrisst.

Sein Mieter, Herr Brandt, wohnt seit über zwölf Jahren im zweiten Stock. Beide kennen sich gut genug, um im Hausflur ein paar Worte zu verlieren, aber nicht gut genug, um persönliche Sorgen wie alte Mäntel abzulegen. Als Karl die Erhöhung ankündigt, steht ein feines Zittern zwischen den Sätzen – das Bewusstsein, dass er jemandem mehr Last auf die Schultern legt, der vielleicht selbst keine breiten trägt.

Für Herrn Brandt ist die Mitteilung kein Paukenschlag, eher ein dumpfer Schlag gegen die Rippen. Er versteht die Gründe, zumindest die wirtschaftlichen. Doch Verständnis macht den Geldbeutel nicht tiefer. Er lebt von einem durchschnittlichen Einkommen, jongliert seine Monatsausgaben wie kleine, empfindliche Glaskugeln. Eine höhere Miete bedeutet weniger Raum für Unvorhergesehenes.

Was beide Männer vereint, ist ein stilles Dilemma, das in vielen Häusern des Landes herumspukt: Vermieter, die keine „Vermögensvermehrer“, sondern Menschen mit eigenen Grenzen sind – und Mieter, die in steigenden Kosten einen unsichtbaren Druck spüren, der ihnen den Atem verkürzt. Die Realität hat selten eine glatte Oberfläche, und hier zeigt sie ihre Falten besonders deutlich.

Karl sucht das Gespräch. Nicht als Machtwort, sondern als Versuch, einen Übergang zu gestalten, der beide Seiten mitnimmt. Vielleicht findet sich ein Kompromiss – eine gestaffelte Erhöhung, ein späterer Zeitpunkt, eine gemeinsame Sicht auf notwendige Reparaturen. Vielleicht bleibt nur die Erhöhung selbst, nüchtern und unvermeidbar.

In diesem Haus, das schon viele Umbrüche erlebt hat, zeigt sich einmal mehr, wie verletzlich das Gleichgewicht zwischen Eigentum und Zuhause ist. Zwei Menschen, ein Vertrag, viele Hoffnungen. Und irgendwo in der Mitte ein schmaler Pfad, den beide nur finden können, wenn sie einander zuhören.

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