Susanne ist 44 Jahre alt. Sie lebt mit einer körperlichen Behinderung und nutzt einen Rollstuhl – und vor kurzem hat sie ein Kind zur Welt gebracht. Ein Ereignis, das für viele mit Glück, Aufregung und Vorfreude verbunden ist, hat für sie auch eine andere Seite: Fragen, Zweifel und eine Müdigkeit, die manchmal bis in den Kern geht. Seit der Geburt fühlt sie sich oft allein. Sie weiß nicht recht, wie sie weitermachen soll – vor allem dann, wenn Hilfe fehlt.
Die ersten Wochen nach einer Geburt sind für jede Mutter herausfordernd. Schlaflose Nächte, körperliche Erholung, neue Verantwortung. Für Susanne kommen zusätzliche Barrieren hinzu: Treppen, unpassende Räume, ein Kinderwagen, der sich schwer manövrieren lässt, und ein Umfeld, das noch immer zu selten barrierefrei denkt. Sie merkt, wie viel Kraft sie täglich aufbringt, nur um „funktionieren“ zu müssen.
Doch zugleich liegt in ihrem Leben etwas sehr Kostbares: das Kind, das in ihren Armen liegt, warm und schwer, mit einem leisen Atem, der manchmal ihre Angst zur Seite schiebt. Susanne liebt ihr Kind – und trotzdem darf sie erschöpft sein. Sie darf zweifeln. Sie darf sagen: „Ich schaffe das nicht allein.“ Denn Mutterschaft bedeutet nicht, alles ohne Unterstützung tragen zu müssen.
Der Gedanke „Ich weiß nicht, wie ich weiterleben soll“ entsteht oft, wenn Belastung und Einsamkeit zu groß werden. Diese Gefühle sind nicht beschämend – sie sind ein Signal dafür, dass Unterstützung nötig ist. Für Susanne können solche Hilfequellen vielfältig sein: soziale Beratungsstellen, Organisationen für Eltern mit Behinderung, Nachbarschaftshilfe, Peer-Gruppen, Hebammenbetreuung, psychologische Beratung. Unterstützung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Recht.
Genauso wichtig ist es, dass Gesellschaft und Politik Verantwortung übernehmen: Barrierefreie Infrastruktur, Assistenzleistungen, eine inklusive Geburts- und Nachsorge, Entlastungsangebote für Alleinerziehende und Eltern mit Behinderung. Susannes Geschichte zeigt, dass es nicht individuelle „Stärke“ ist, die fehlt – sondern oft Strukturen, die tragen.
Susanne steht heute an einem Wendepunkt. Zwischen Erschöpfung und neuer Liebe, zwischen Überforderung und leisen Hoffnungen. Ihr Weg wird nicht immer leicht sein, aber er muss nicht einsam bleiben. Sie hat das Recht, gesehen zu werden – als Mutter, als Frau, als Mensch mit Wünschen, Grenzen und Kraft.
Und vielleicht beginnt es mit einem einfachen Satz, laut ausgesprochen oder leise gedacht: „Ich brauche Hilfe – und ich habe sie verdient.“
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