Sabine M., 50 Jahre alt, lebt seit über zwei Jahrzehnten in einem ruhigen Wohnviertel einer deutschen Kleinstadt. Sie schätzt die Beschaulichkeit ihres Alltags, die kleinen Gespräche mit den Nachbarn und die Möglichkeit, sich in ihrer Freizeit ihren eigenen Interessen zu widmen. Doch seit einiger Zeit fühlt sie sich zunehmend belastet – durch ihre neue Nachbarin Amina K., die vor zwei Jahren aus Ruanda nach Deutschland gekommen ist. Der Grund: Amina bittet Sabine immer wieder, auf ihren einjährigen Sohn aufzupassen.
Anfangs tat Sabine das gerne. Sie verstand, dass Amina als alleinerziehende Mutter Unterstützung brauchte. Doch mit der Zeit häuften sich die Anfragen. Mal musste Amina zu einem wichtigen Behördentermin, mal wollte sie einen Arztbesuch erledigen – und immer wieder stand sie mit flehenden Augen vor Sabines Tür. „Ich wollte nicht unhöflich sein, und natürlich habe ich Verständnis für ihre Situation, aber es wurde einfach zu viel“, berichtet Sabine. „Es kam so weit, dass ich mich kaum noch traute, ihre Nachrichten zu lesen, weil ich befürchtete, dass sie mich wieder um Hilfe bittet.“
Sabine spricht nicht gerne darüber, weil sie sich nicht als hartherzig oder unsolidarisch wahrgenommen wissen möchte. „Aber irgendwann fühlt es sich nicht mehr nach einer Gefälligkeit an, sondern nach einer Verpflichtung.“ Sie hat versucht, Amina darauf anzusprechen. Doch diese reagierte mit Unverständnis und schien sogar verletzt. „Sie sagte mir, dass es in ihrer Kultur normal sei, dass Nachbarn sich gegenseitig unterstützen. Ich verstehe das, aber ich kann nicht ständig einspringen.“
Die Situation stellt Sabine vor ein Dilemma. Einerseits möchte sie helfen, andererseits hat sie das Gefühl, dass ihre Gutmütigkeit ausgenutzt wird. „Ich bin nicht ihr Babysitter. Ich habe mein eigenes Leben und meine eigenen Verpflichtungen“, sagt sie. Sie fragt sich, ob sie klarer Grenzen setzen oder gar den Kontakt zu Amina reduzieren soll. Gleichzeitig hat sie Angst, als unsensibel oder gar fremdenfeindlich abgestempelt zu werden.
Nachbarschaftliche Hilfe ist wichtig und oft auch bereichernd, aber sie darf nicht zur Einbahnstraße werden. Vielleicht wäre eine offene Aussprache oder eine alternative Lösung, wie die Unterstützung durch eine gemeinnützige Organisation, eine Möglichkeit für beide Seiten. Doch für Sabine steht fest: So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen.
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